Das Alevitentum: Die unbekannte Glaubensgemeinschaft

Die Religionsgemeinschaft der Aleviten hat ihre Ursprünge in der Türkei und wird oft fälschlicherweise mit dem Islam gleichgesetzt oder als eine seiner Strömungen wahrgenommen.

Ähnlich wie das Christentum, das sich aus dem Judentum heraus in eine eigenständige Religion entwickelt hat, haben die Anhänger von Ali, dem Schwiegersohn des Propheten Mohammed, so eine neue Glaubensrichtung erschaffen. Türken wie Kurden sind Anhänger dieser Religion.

In Wels hat diese Religionsgemeinschaft ihre Räumlichkeiten in der Hans-Sachs-Straße 93. Aufgrund der geopolitischen Lage und der schlichtweg falschen Annahme, dass es sich bei den Aleviten um einen islamischen Verein handelt, haben sie oft mit Vorurteilen in der Welser Bevölkerung zu kämpfen. Zu Unrecht.
Tatsächlich sind die Aleviten um vieles moderner als die sunnitische Mehrheitsbevölkerung in ihrem Herkunftsland und lehnen islamische Verhaltensweisen ab. Deswegen wurden und werden sie wegen ihrer liberalen Weltanschauung in der Türkei verfolgt. Immer wieder wird versucht, sie unter Zwang in die muslimische Mehrheitsgesellschaft und -religion zu assimilieren, leider auch in Österreich.

Seit 1995 auch in Wels
Bereits seit über 20 Jahren kümmert sich der Alevitische Kulturverein Wels um religiöse und kulturelle Belange seiner Mitglieder. Sie streben die Anerkennung als eigenständige Religionsgemeinschaft an und halten ihre kulturelle Identität aufrecht und somit ihre Bräuche am Leben. Integrationsprobleme gibt es kaum. Mann und Frau sind im Alltag wie im spirituellen Leben gleichberechtigt, ihr Glaube hat keinen weltlichen Besitzanspruch und Kopftücher wird man vergeblich suchen.

Vereinsleben
Im Vereinsgebäude in der Hans-Sachs-Straße 93 herrscht unter der Woche und speziell am Sonntag reges Treiben. Hier finden neben Deutschkursen, Kinderspielgruppen, EDV-Kursen auch Folklore-Kurse statt. Da im Alevitentum aufgrund von jahrhundertelanger Verfolgung das Wissen um die religiösen Handlungen immer nur mündlich überliefert wurde, wird großer Wert auf das Brauchtum gelegt. So wird beispielsweise „Saz“ unterrichtet, ein traditionelles türkisches Saiten-Instrument, das bei religiösen Festen zum Einsatz kommt.
Am Sonntag kommen die Familien zusammen, um gemeinsam zu frühstücken. Hier werden im großen Saal auch Vorträge zu politischen Themen aus Österreich und der Türkei gehalten.

Aber in erster Linie kommen die ca. 400 Mitglieder, um sich zwanglos zu unterhalten und gemeinsam zu essen. Mitten drinnen ist Obmann Umut Dinler, bei dem alle Fäden zusammenlaufen. Er hat immer ein offenes Ohr für die Anliegen und Sorgen der Männer, Frauen und Kinder.

Das Vereinsgebäude hat offene Türen für alle Menschen, unabhängig vom religiösen Bekenntnis oder von der politischen Gesinnung. Jede Partei des politischen Farbenspektrums in Österreich hat auch hier Sympathisanten und Wähler.

Unsere Kinder werden in
den Welser Schulen von
muslimischen Kinder ge-
mobbt und man versucht
sie zum Islam zu bekehren.

Gottesdienst ohne Gotteshaus
„Anders als im Islam gibt es bei den Aleviten keine fixen Gebetszeiten“, erklärt der 37-jährige Dinler, „jeder kann zu jeder Zeit und auf individuelle Art beten.“ Größere Gottesdienste finden nur 2 bis 3 mal im Jahr statt. Diese Cem-Feiern werden von Männern und Frauen, den sogenannten Dedes und Anas gleichberechtigt geleitet und beinhalten die Rezitation von Gedichten und Tanz. Gotteshäuser sind nicht üblich, in der Regel mieten sich alevitische Gemeinden dazu in öffentliche Hallen ein. In Wels wird der große Saal des Vereinsheims genützt.

Anerkennung als Religionsgemeinschaft
Das größte Anliegen des Kulturvereins ist die Anerkennung der Aleviten als eigenständige Religionsgemeinschaft in Österreich. Ca. 12000 der 60000 Aleviten in Österreich sind in zwei Organisationen vertreten. Eine davon, die kleinere Islamische Alevitische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IAGÖ), fühlt sich dem Islam zugehörig. Die anderen, die Föderation der Aleviten Gemeinden in Österreich (AABF), verstehen sich als eigenständige Religion. In letzteren sind auch die Aleviten aus Wels vertreten.
2009 wurde der Versuch von der AABF unternommen, eine Eintragung als Bekenntnisgemeinschaft zu erreichen. Leider wurde kurz davor von der IAGÖ ein Antrag mit dem gleichen Wortlaut eingebracht, jedoch mit Islam-Bezug.

Die Statuten dafür wurden im Vorfeld von beiden Vereinen gemeinsam erarbeitet, die Differenzen der zwei Verbände waren aber zu groß. Die IAGÖ sieht sich seit ihrer Eintragung als gesetzlich anerkannte Glaubensgemeinschaft 2010 als Vertreter aller in Österreich lebenden Aleviten. Die AABF versucht seitdem juristisch dagegen vorzugehen, aber offizielle Stellen sind an einer Differenzierung nicht interessiert.

Das Sivas-Attentat 1993
Dinler fühlt sich an die Türkei erinnert, in der die Aleviten auch immer Assimilierungsversuchen von islamischer Seite ausgesetzt waren. In der alten Heimat waren und sind Unterdrückung und Gewalt gegen die religiöse Minderheit im Land an der Tagesordnung. Der traurige Höhepunkt war das Sivas-Attentat am 2. Juli 1993, bei dem über 30 Aleviten ums Leben kamen. Nach dem Freitagsgebet zündeten islamische Fundamentalisten ein Hotel an, in dem vorwiegend alevitische Menschen einquartiert waren. Der in den staatlichen Moscheen aufgestachelte Mob hinderte die Menschen daran, das Gebäude zu verlassen. Die Einsatzkräfte von Feuerwehr und Polizei griffen erst nach Stunden ein.

Alevitentum ist nicht Islam
Spätesten ab diesem Zeitpunkt war für Umut Dinler und viele andere Aleviten klar, dass das Alevitentum nicht zum Islam gehören kann. „Der Koran ist zwar ein Wegführer wie alle heiligen Bücher, aber wir lernen vom Menschen.“ Damit bringt er auf den Punkt, was die Kluft zwischen seiner Religion und Muslimen ausmacht: Man kann sich nicht auf ein 1500 Jahre altes Buch berufen, um Antworten auf Fragen der Gegenwart zu finden, sondern muss seinen Verstand einsetzen.

Probleme mit Fundamentalisten
Der Vater von drei Töchtern hat Verstand bewiesen, indem er in seiner Nachbarschaft in Schafwiesen gegen den Ausbau einer Milli-Görüs-nahen Moschee gestimmt hat. Er kennt aus seiner Familie und dem Bekanntenkreis die Probleme mit den Anhängern von radikalen Islam-Vereinen nur zu gut. Alevitische Kinder werden gemobbt, bedroht oder gleichaltrige Muslime versuchen sie zu missionieren. „Das alles passiert hier in Wels, nicht irgendwo in der Türkei. Der Fundamentalismus wird den Kinder daheim vorgelebt , im Internet finden sie dann Videos von Hass-Predigern und radikalisieren sich noch mehr. Die Resultate kennt man ja aus den Medien.”

Humanismus und Demokratie
Umut Dinler kämpft als Obmann des Alevitischen Kulturvereins aktiv gegen islamistische Ideologien und Aktivitäten im Alltag und sieht sich und die Vereins- bzw. Gemeindemitglieder dem Humanismus, der Freiheit und der Demokratie verpflichtet. Ihre Traditionen wie das Saz-Spielen geben sie an die nächste Generation weiter und trotzdem haben sich die Aleviten schon nahtlos in die Mehrheitsgesellschaft in Österreich eingefügt, ohne ihre kulturelle Identität dadurch einzubüßen. Viele andere Kulturvereine in Wels können sich hier ein gutes Beispiel nehmen