Der Spielfeld-Report

Es ist Samstag, der 31. Oktober 2015 am Grenzübergang Spielfeld in der Steiermark. Monatliche-Redakteur Christoph Brückl steht mitten im Flüchtlingslager. Es ist ein ruhiger Tag, keine Ausschreitungen. Hundert Meter weiter wandern Demonstranten gegen Asylanten.

Das schlimmste ist der bestialische Gestank. Überall. Es riecht nach menschlichen Exkrementen. Müll wohin man sieht. Die Menschen warten sitzend auf die Busse in Richtung Deutschland. Stehend würden sie sich gegenseitig zerquetschen, so die Polizei.

Weiter hinten stehen die Leute noch, oder schlafen in den riesigen Zelten. Kinder spielen im Müll als wäre es das normalste auf der Welt.
Die verschlafene Gemeinde Spielfeld ist wegen ihrem Grenzübergang zu Slowenien bekannt. Seit kurzem aber auch wegen etwas anderem: Die meisten Flüchtlinge überqueren hier die Grenze zu Österreich auf ihrem Weg nach Deutschland.

Kinder
Immer wieder wird kritisiert, dass die Medien zu viele Kinder zeigen, obwohl es meist männliche Flüchtlinge gibt. Am Titelbild dieser Ausgabe prangt trotzdem ein Flüchtlingskind. Weil es, zumindest an diesem Tag, extrem viele Kinder und Frauen zu sehen waren. Es macht auch betroffen, die Kinder im Dreck spielen zu sehen. Rundherum Polizisten mit Masken, die mehr oder weniger hilflos die Leute ohne Kontrollen bis zu den Bussen durchschleusen.

Spielfeld

Keine Kontrollen
Überprüft werden die ankommenden Leute nicht. Alle kommen durch. Anhand der Hundertschaften von Menschen, die jede Stunde ankommen gibt es auch zu wenig Personal. Eine Registrierung ist de facto unmöglich. Die Absperrungen sind behelfsmäßig aufgestellt, doch durchstrukturiert wirkt das ganze Schauspiel nicht. Es ist ein großes Chaos, es zeigt die komplette Überforderung des Staates.  Am Abend verbrennen die im Lagerbewohner die Decken um etwas Wärme zu bekommen. Anhand der hygienischen Verhältnisse keine schlechte Idee.

Militär
Neben der Polizei ist auch das Bundesheer anwesend. Militärfahrzeuge an allen Ecken. Es wirkt wie ein Kriegsschauplatz. Über Ihre Arbeit dürfen die Soldaten nicht sprechen und verweisen auf die Polizei.

Müll und Gestank
Natürlich fragt man sich: Warum gibt es so viel Müll? Warum verrichten die Leute ihr Geschäft im Freien und nicht auf den unzähligen Toiletten. Ein Blick in die Toiletten gibt die Antwort auf letzteres. Vom Roten Kreuz wurden Gebrauchsanweisungen für die Sanitäranlagen aufgeklebt. Überall arbeiten Reinigungskräfte, um den ärgsten Schmutz zu beseitigen.
Die gelben Arbeiter erinnern mit ihren Masken und Schaufeln an die Liquidatoren von Tschernobyl. Eine leeres Zelt wird von rund fünf Osteuropäern gereinigt. Ausgerüstet mit rollenden Mülltonnen und Schneeschaufeln. Auffallend ist es, dass die Flüchtlinge nicht mitarbeiten.

stilles Mineralwasser
An einer weiterem Reinigungstrupp vorbei kommt man zur Essensausgabe. Das Essen scheint den Leuten zu schmecken. Flüchtlingshelfer mit der Aufschrift „Team Österreich” rennen vom Zelt und der im freien stehenden „Küche” hin und her. Riesige Töpfe werden mit Gasherden erhitzt.
Daneben stehen dutzende Paletten von stillem Mineralwasser. Prickelndes Wasser vertragen die Leute nicht, da sie sonst Magenkrämpfe bekommen. Nach einer langen Reise ohne viel Nahrung passiert das, sagen die Helfer. Über eine Trennwand geht es weiter zur Krankenstation. Auffallend ist ein Taferl an dem steht: „Auf Anweisung des LV jeden Patienten dokumentieren.”

In der Krankenstation steht ein kurdischer Dolmetscher. Sieben Sprachen kann er. Er will helfen, sagt er und geht zur nächsten Patientin: Einer Frau, dessen Kind das Knie schmerzt. Weiter geht es über die Gewandausgabe zum großen Aufenthaltszelt. Die Leute freuen sich über Journalisten, wollen fotografiert werden. Besonders die Kinder freuen sich über die gelungene Abwechslung und interessieren sich für die Kamera.

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Ziel Deutschland
Beinahe alle wollen nach Deutschland. Dutzende Busse stehen bereit. Rund 50 Taxis warten auf Kundschaft. Rund 500 Euro kostet die Fahrt bis nach Salzburg. Auch wenn es rechtlich bedenklich ist. Hauptsache die Massen werden weitertransportiert. Nur ein Afghane sagt, er würde gerne in Österreich bleiben.

Facebook-Gerücht
Das Einkaufszentrum Wieser befindet sich rund 200 Meter nach der Grenze. Rundherum stehen Busse von Flüchtlingen. Fimenchef Anton Wieser hat zwar noch keine Probleme mit Flüchtlingen gehabt, leidet aber unter Umsatzeinbußen, da sich viele Kunden nicht mehr in seinen Großmarkt trauen. Von Schüsse, Überfälle und Plünderungen in seinem Einkaufszentrum wie auf Facebook kolportiert weiß er nichts. „Ich bin nicht einmal auf Facebook. Mein Sohn wohnt in Graz und hat scheinbar irgendwas geschrieben, was er in Zeitungen gelesen hat”, sagt der Chef.

Demonstration
Gut 100 Meter nach dem Flüchtlingszentrum an der Grenze marschieren auf der österreichischen Seite rund 600 Demonstranten gegen Asylmissbrauch auf.

Vom Flüchtlingslager kommend wirkt die Demo sehr makaber. Am ersten Blick ist viel Unterschicht zu sehen. Frauen mittleren Alters mit Oberlippenpiercing und Plastikfingernägel. Glatzköpfige Männer mit Trachtenjanker. „Wir sind das Volk” schreien sie. „Zu diesem Volk will ich nicht gehören” denkt man sich nur. Auch wenn man über die ernsthaften Gefahren des Zuzugs weiß, auch wenn man viele Fälle von kriminellen Flüchtlingen

kennt. Auch wenn man es für verantwortungslos hält, Massen von Leuten ohne Überprüfung durch das Land zu schleusen.
An dem Moment denkt man sich tatsächlich nur eines: Mir sind die Flüchtlinge lieber als ihr.

Trotzdem will man nicht alle Teilnehmer der Demo in eine Schublade stecken und sieht sich um. Tatsächlich scheinen auch da und dort „normale” Bürger mit zu gehen, die einfach nur verängstigt scheinen. „Wir werden von den Medien nur belogen”, heißt es oft. Viele sind gekommen, um sich selbst ein Bild zu machen. Ein Fotograf der auch im Flüchtlingslager war, sagt einem anwesenden Team des ORF, dass sie doch bitte die gewaltigen Verschmutzungen filmen und ausgewogen berichten sollten.  Das Wort Lügenpresse fällt sehr schnell. Bei einem Großteil werden Presseleute als Feinde gesehen, die falsch berichten. Das gibt zu denken.

Ein anderer Anwohner bezweifelt, dass Österreich noch eine Demokratie ist. Ihm tun die Flüchtlinge leid, aber er bemängelt, dass jeder Kritiker als „Nazi” hingestellt wird.

Zuzug wird nicht aufhören
Auch ein iranischstämmiger Journalist will sich ein Bild vor Ort machen. Er sagt: „Wir werden uns an diesen Zuzug gewöhnen müssen. Neben dem Krieg in Syrien wird sich auch ein großer Teil Afrikas auf den Weg in unsere Länder machen. Schon alleine wegen des Klimawandels und der daraus resultierenden Nahrungsknappheit.” Er erzählt uns von einem Syrer, der deswegen nach Deutschland geht, weil sein Haus mit einer Bombe zerstört wurde, auf deren Resten „Made in Germany” stand.
Auch in Afrika war der Journalist schon. Dort sagen laut ihm viele Leute: „Die Europäer haben uns so lange ausgenutzt, dafür müssen sie eigentlich die nächsten 200 Jahre Leute aufnehmen.”

Fundi-Islam ist größte Gefahr
Das Gespräch mit dem im Iran geborenen Journalisten dauert länger. So sehr er die Leute aus Afrika und den Nahen Osten versteht, so sehr sieht er auch viele Gefahren.
„Wichtig ist es, trotz des Zuzugs zu den westlichen Werten zu stehen und hier auch keine Kompromisse zu machen”, sagt er.

Am Wiener Westbahnhof hatte er eine kleine Auseinandersetzung mit einem freiwilligen Flüchtlingshelfer. Der Moslem mit Rauschebart und Kaftan bot Übersetzung vom Arabisch ins Deutsche an. „Ich ging zu ihm hin, und fragte was er sich einbildet hier in Österreich mit Kaftan herumzurennen. Man muss sich hier an eine Kultur anpassen.”

„Viele Flüchtlinge brauchen Autorität”
An einer Tankstelle auf der Heimfahrt, steht ein Mann, der oft beruflich in arabischen Ländern unterwegs war. Auch in Syrien. Er sieht die Situation kritisch. „Ich kenne die Leute von dort. Die Oberschicht ist gemäßigt, aber kommt meist nicht zu uns. Viele haben in der Verwandtschaft bereits Auswanderer. Die meisten finanziell gut ausgestatteten Syrer wandern nach Südamerika aus, wegen den ähnlichen klimatischen Voraussetzungen. Ihre Familienangehörigen aus Syrien sind schon längst zu ihren Angehörigen nach Argentinien oder Chile gefahren.”

Der Manager meint, dass zu uns meist Leute aus der unteren Schicht kommen, die zuhause ihr Leben lang von den lokalen Mullahs unterdrückt worden sind. Auch mit körperlicher Gewalt. „Sie kennen nichts anderes. Das schlimme daran ist: Wenn man nicht Autorität zeigt, werden viele Übermütig und glauben, das man bei uns Narrenfreiheit hat. Unsere humanen Polizisten nehmen sie nicht ernst. Das wird ein großes Problem. Die Sicherheitskräfte werden sich hier etwas überlegen müssen.”