Alte Hutfabrik Wels: Hippes Quartier in alten Gemäuern

Das ehemalige Fabriksgelände der Hutfabrik Carl Blum in der gleichnamigen Straße ist wohl das Paradebeispiel einer gelungenen Revitalisierung eines alten Industriequartiers aus der Gründerzeit.

Das Areal aus Backsteinbauten des Mitte der 1930er Jahre stillgelegten Betriebs beheimatet seit seiner Revitalisierung 2007 eine Vielzahl von Unternehmen, die in den gut erhaltenen Werksräumen der ehemaligen Hutfabrik eingemietet sind. 

Anfänge als Handwerksbetrieb

Gegründet wurde der Handwerksbetrieb 1834 von Anton Blum, dessen kleine Werkstatt in der Rosenauerstraße auf die Erzeugung und den Kleinverkauf von Hüten ausgelegt war.

Gründung der Hutfabrik

Wie viele Betriebe in der Gründerzeit, schaffte auch die Huterzeugung Blum den Sprung vom Handwerksbetrieb zur Fabrik. In diesen Zeitraum fällt auch die Gründung der Hutfabrik Blum, das Fabriksgelände wurde erst 1874 von Anton Blums Sohn Carl in der damaligen Hochpointstraße erbaut.

Filialen rund um den Globus

Um 1900 wurde der bedeutende Industriebetrieb nochmals vergrößert und modernisiert, 1912 wurde die Hutfabrik Blum in eine GmbH umgewandelt. Die Hutfabrik Blum war bis zu ihrer Schließung auch an die Gleise der 1922 gegründeten Welser Industriebahn angeschlossen.

Zu den besten Zeiten wurden Blums Hüte aus Velour und Hasenhaar in Filialen in New York, London, Berlin, Paris und Wien verkauft und am Produktionsstandort Wels 240 Mitarbeiter beschäftigt.

Niedergang der Hutfabrik

Nach dem Ersten Weltkrieg und der Neuordnung Europas fielen für die Hutfabrik die Hauptabsatzmärkte in der Monarchie sowie in England und Frankreich weg. Spätestens 1927 war der Niedergang des Welser Betriebs nicht mehr zu stoppen. 1935, also gut 100 Jahre nach Gründung der Huterzeugung, wurde die Fabrik stillgelegt.

Erbe an die Kirche

Die letzte Erbin aus der Familie Blum vermachte 1967 das rund 12 000 m² große Firmenareal inklusive Familienvilla der Kirche. Seit 2004 zeigt sich die St. Severin-Stiftung für die Entwicklung des Firmengeländes in Innenstadtnähe als Immobilienprojekt verantwortlich.

Vorzeigeprojekt der Kirchen-Stiftung

Insgesamt 1 Mio Euro investierte die Kirchen-Stiftung in die Entwicklung des Vorzeigeprojekts bis zur Fertigstellung 2007. In der Ende des 19. Jahrhunderts erbauten Blum-Villa ist heute ein heilpädagogischer Kindergarten untergebracht. 

Eingemietet in der Hutfabrik 

Die St. Severin-Stiftung der Kirche hat vorgezeigt, was mit brachliegenden historischen Industriebauten heutzutage möglich ist. Die geschaffenen Räumlichkeiten haben auch umgehend Mieter gefunden, die diese Umgebung zu schätzen wissen.

Gesundheitsdienstleister Proges

So ist seit 2018 der Gesundheitsdienstleister Proges in der Alten Hutfabrik eingemietet, der auf 400m² ein Frauengesundheitszentrum unterhält sowie Möglichkeiten zur Psychotherapie anbietet. In insgesamt 10 Räumen werden Therapien und Workshops abgehalten, das 28-köpfige multiprofessionelle Team von Proges hilft dort Frauen in allen Lebensbereichen.

Tischkult

Die Dekorateurin Gabriele Lenzeder hat ihren Schauraum schon seit 2008 in der Hutfabrik. Unter dem Namen Tischkult bietet sie geschmackvolle Tisch- und Hochzeitsdekorationen an. Aber sie nimmt sich auch des Wohnraums an: Beim Home Styling wird das Eigenheim verschönert, beim Home Staging wird zum Verkauf stehender Wohnraum bestmöglich und somit verkaufsfördernd aufbereitet.

Ihr gefällt die kreativ genutzte Bausubstanz aus der Gründerzeit, auch wenn ihr in dem Backstein-Areal ein Gastronomie-Konzept gefallen würde. Quasi als Aufwertung.

Abrissbirne statt Revitalisierung

Leider sind in Wels schon viele solcher alter Bauten, die ein ähnliches Potenzial zur Revitalisierung gehabt hätten, der Abrissbirne zum Opfer gefallen. Bauten, die in der gleichen Epoche und auch in direkter Nähe zum Stadtzentrum erbaut wurden. Die ehemaligen Adlerwerke in der Fischergasse mussten dem HTL-Neubau weichen, die ehemalige Ploberger Lederfabrik dem Neubau des Volksgarten Zentrums.

Vergebene Chancen

Eine umsichtige und mutige Stadtpolitik hätte die Höhere Technische Lehranstalt thematisch passend in einen ehemaligen Industriebetrieb integrieren können. Oder in das Ploberger-Areal den Branchenmix eines Einkaufszentrums mit FUZO-Charakter als Quasi-Verbindung zwischen Innenstadt und Messegelände setzen können.

Das hört sich zugegebenermaßen sehr gewagt an, aber eine 150 Jahre alte Hutfabrik zeigt, wozu alte Industriebauten noch fähig sind.