Stadtentwicklung Wels

Architekt Robert Patzschke: »Wir wurden von Kollegen bekämpft.«6 min read

8. März 2021 4 min read

Architekt Robert Patzschke: »Wir wurden von Kollegen bekämpft.«6 min read

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Patzschke & Partner plante in den 90ern das legendäre Berliner Hotel Adlon im klassizistischen Stil und zog sich somit den Groll der Kollegen zu. Anders als in vielen anderen Bereichen des Lebens, wird in der Architektur nie auf Bewährtes zurückgegriffen. Doch es gibt eine Gegenbewegung.

Herr Patzschke, es wird immer wieder behauptet, man sei rückwärtsgewandt, wenn man historisch baut. Ist das so?

Der Formenkanon der klassischen Architektursprache hat sich über mehrere 1.000 Jahre gewissermaßen wie bei der Darwin’schen Evolutionstheorie ganz langsam entwickelt. Elemente wurden verfeinert, unglückliche verworfen, neue kreiert. Trotz dieses Prozesses, der immer wieder auf das vorher Dagewesene aufbaute, haben rückblickend die einzelnen Epochen den jeweiligen Zeitgeist widergespiegelt und eine enorme Innovationskraft und Modernität offenbart.
An dieses Spiel von Fortführung und Innovation knüpft auch die heutige zeitgenössische klassisch-traditionelle Architektur an. Insofern kann man hier nicht von einer Rückwärtsgewandtheit sprechen, sondern man greift auf einen bestehenden frei zugänglichen Formenkanon zu und entwickelt diesen auf der Basis der aktuellen Bedürfnisse und Gegebenheiten weiter und entwickelt so eine zeitgemäße neue Schöpfung.Darüber hinaus sei bemerkt, dass auch die Verfechter der sogenannten Moderne auf einen Formenkanon und eine Entwurfsphilosophie zugreifen, die mittlerweile auch schon 100 Jahre alt ist, auch hier würde man nicht von einer Rückwärtsgewandtheit sprechen wollen.

Das Argument der Pragmatiker ist, dass historische Architektur einfach zu teuer ist.

Ob etwas als teuer oder günstig betrachtet werden kann, ist immer subjektiv und ist vor allem vor dem Hintergrund der Verhältnismäßigkeit zu betrachten. Grundsätzlich würde ich sagen, dass gute Architektur eher teuer ist und nicht so gute Architektur eher günstig. Selbstverständlich gibt es aber auch sehr teure schlechte oder hässliche Architektur und auch sehr günstige gute und schöne Architektur. Wir haben in verschiedenen Projekten Seite an Seite mit eher modern eingestellten Architekten gearbeitet. Es gab Bauherrnseits gewisse Budgetvorgaben und man hat hier erkannt, dass für beide Architekturrichtungen das Budget gleichermaßen ausgeschöpft wird und eine gleichermaßen hochwertige Architektur nur mit unterschiedlichen Gestaltungsgedanken entsteht. Wir haben ferner die Erfahrung gemacht, dass unsere Bauherren großen Wert darauf legen, dass wir ein hochwertiges äußeres Erscheinungsbild mit einer kleinteiligen Fassadengliederung entwickeln. Bei Projekten für hochwertige Eigentumswohnungen im innerstädtischen Geschosswohnungsbau gehen die Bauherren davon aus, dass für jeden Euro, der in die Gestaltung des äußeren Erscheinungsbildes gesteckt wird, ein Vielfaches beim Verkauf zu erzielen ist. Insofern kann man hier nicht davon sprechen, dass klassisch-traditionelle Architektur unangemessen teuer wäre. Es hat sich sogar schon einmal der Slogan entwickelt „Patzschke Sells“! Gleichzeitig ist es mitunter eine Herausforderung, unabhängig von der Architektursprache mit einem geringen Baukostenbudget eine aufwendige Gestaltung zu erzielen.

Ist es denn auch möglich, im sozialen Wohnungsbau klassisch-traditionell zu planen?

Vor allem im sozialen Wohnungsbau ist das Erfordernis für ein schönes harmonisches und lebenswertes Umfeld gegeben. Aus den Zeiten der Industrialisierung, aber auch bis in die 20er, 30er Jahre hinein gibt es unzählige Beispiele für Arbeitersiedlungen, die nicht – wie in der Nachkriegszeit entstanden – aus endlos monoton hintereinander gereihten Blöcken bestehen, sondern die in einer aufgelockerten städtebaulichen Anordnung ein angenehmes Gesamtbild ergeben. Obwohl unser Büro vorrangig für den hochwertigen Eigentumswohnungsbau bekannt ist, haben wir auch immer Projekte im sozialen Wohnungsbau bearbeitet, so wie wir das auch momentan für verschiedene Wohnungsbaugenossenschaften in Berlin tun. Wie bereits erwähnt, besteht hier natürlich die Herausforderung, mit einem geringeren Baukostenbudget auszukommen. Gerade bei Großprojekten mit mehreren 100 oder 1.000 Wohnungen ergibt sich die Möglichkeit, schon im städtebaulichen Konzept eine Figur zu entwickeln, die Vielfältigkeit und individuelle Identifikationsmöglichkeit bietet.
Die Gebäude selbst können mit wenigen architektonischen Elementen in unterschiedlichen Kombinationen aufgelockert werden. Unserer Meinung nach muss sozialer Wohnungsbau nicht gleichbedeutend sein mit der monotonen Wiederholung gleichförmiger Kisten.

Die Moderne hat sich ja ihren Namen gut gewählt, weil man damit „modern“ verbindet. Jedoch ist die Moderne selbst schon rund 100 Jahre alt.

Das ist richtig, auch die Moderne ist bereits 100 Jahre als und greift somit auch schon über zehn Jahrzehnte auf eine bestehende Architektursprache zurück und es ist auch richtig, dass durch die Namensgebung dieser Stilrichtung hier ein kleiner Heimvorteil entsteht. Mit klassisch und traditionell wird eher etwas Althergebrachtes, Verstaubtes und Konservatives gleichgesetzt und mit modern eher etwas Zeitgemäßes und Innovatives. Die Anwendbarkeit allein aus der Namensgebung abzuleiten, wäre jedoch unsachgemäß. Vor allem unsere Erfahrungen über die letzten 50 bis 70 Jahre zeigen, dass der moderne Städtebau und die moderne Architektur an vielen Stellen nicht in der Lage wären und sind, lebenswerte und gestalterisch nachhaltige Lebensbedingungen zu schaffen. Nicht umsonst schaut man sich im Urlaub die Altstädte an und selten die Neubauviertel und möchte auch am liebsten in einem Altbau wohnen.

Darüber hinaus steckt im Wort modern auch noch das Wort Mode oder modisch. Wir wissen aus der Bekleidungsbranche, dass Moden vergehen und dass das Modische sehr schnell auch altmodisch wirkt. Je modischer ein Bau heute ist, desto kurzlebiger ist die Lebensdauer und desto schneller hat man sich an dieser Gestaltung satt gesehen. In der Bekleidungsbranche ist dies kein Problem. Ich kann jede Woche meinen Kleidungsstil anpassen, und, wenn ich möchte, mich auch dreimal am Tag umziehen. In der Architektur hingegen ist das fatal, denn ein Gebäude soll ja 20, 50 oder 100 Jahre stehen oder im Idealfall noch länger. Die Verantwortung, die ein Planer/ein Architekt somit trägt, ist immens. Er muss quasi über seinen Tod hinaus die Gestaltung eines Gebäudes vertreten können.

Ihr Büro plante 1995 in Berlin das legendäre Hotel Adlon unweit des Brandenburger Tores im klassizistischen Stil. Wie waren die Reaktionen darauf?

Grundsätzlich kann man sagen, dass die Reaktion auf das Hotel Adlon äußerst positiv war. Der Großteil der Bevölkerung vom normalen Bürger bis hin zum gebildeten Laien und hochrangigen Politiker haben die Wiederbelebung des Pariser Platzes mit dem Schlussstein des Hotel Adlon außerordentlich positiv aufgenommen. In diesem Zusammenhang möchte ich auch noch einmal klarstellen, dass es sich mit dem Hotel Adlon weder um die Restaurierung eines Bestandsgebäudes noch um die Rekonstruktion eines Vorgängerbaus handelt, sondern um einen neuen eigenständigen Entwurf in einer zeitgenössischen klassisch-traditionellen Architektursprache. Gleichzeitig hat die Entstehung des Hotel Adlon eine unfassbare Kontroverse in den Architekturkreisen mit teilweise unsachlichen Kritiken, die unter die Gürtellinie gingen, hervorgerufen. Offenbar hat jedoch das Hotel Adlon genau auf den ‚faulen Zahn‘ gefühlt und somit den aufkeimenden Zeitgeist mit dem Wunsch nach einer menschlicheren und schöneren Architektur getroffen.

Nunmehr, über 20 Jahre später, zeigt sich, welche Wellen an klassisch-traditioneller Architektur und Mischformen hier ausgelöst wurden. Ich möchte in diesem Zusammenhang den Historiker, Politiker – Kultursenator in Berlin – Herrn Prof. Christoph Stölzl aus seiner Laudatio zum 50. Firmenjubiläum unseres Architekturbüros im vorvergangenen Jahr zitieren: „Man kann die Wirkung dieses Paukenschlags am Pariser Platz – das Hotel Adlon – gar nicht hoch genug einschätzen. Vieles, was uns seitdem ganz selbstverständlich scheint, wie z. B. der Stadtschlossaufbau, war vorher undenkbar und ist nun denkbar geworden.“

Wie sehen Sie die aktuelle Debatte rund um den Semmelturm, sollte man ihn nicht rekonstruieren, weil dahinter ein Hochhaus steht?

Rekonstruktionen als initiale Bausteine können dazu verhelfen Plätze und Quartiere im Sinne eines europäischen Städtebaus wieder entstehen zu lassen. Auch die Rekonstruktion des Semmelturmes kann so einen Prozess in Gang setzen. Wie die wunderbare Skizze meines Kollegen Herrn Jeyabalan zeigt, beeinträchtigt auch das dahinterliegende Hochhaus die architektonische Kraft des Turms nicht.