Lederfabrik Adler Wels: Dort wo heute die HTL steht, stand ein Industriejuwel

Heute erinnert nur mehr die Adlerstraße an die einst bekannte Lederfabrik Adler, die mitten in der Welser Innenstadt ihr Produktionsstätte hatte. Der klassische Gründerzeit-Betrieb beschäftigte zu seiner Blütezeit etwa 500 Mitarbeiter, und die Lederwaren waren in ganz Mitteleuropa bekannt.

In den 1930er Jahren wurde der Welser Traditionsbetrieb Opfer der allgegenwärtigen Wirtschaftskrise. Beide Produktionsstandorte in der Stadt, Fischergasse und Pollheimer Straße, wurden stillgelegt.

Anfänge

Der Lederhandwerksbetrieb der Gebrüder Georg und Matthias Adler in der Fischergasse wurde 1847 gegründet. Erst ab 1865 wurde der Betrieb am Mühlbach offiziell als Fabrik geführt. Der Familienbetrieb wurde aufgrund der schlechten Finanzlage 1908 in die Lederfabrik Adler Ges.m.b.H. umgewandelt, und Dr. Ferdinand Falkensammer erhielt den Posten des Geschäftsführers.

Zusammenlegung zur Aktiengesellschaft

In der Zeit des Ersten Weltkriegs erreichte die Lederfabrik Adler mit dem Geschäftsführer Falkensammer ihren Zenit. 1922 wurde der Betrieb in der Fischergasse mit der Lederfabrik Ploberger in der Pollheimer Straße zusammengelegt. Aus dieser Vereinigung ging schließlich die Adlerwerke A.G. hervor.

Diese ins Leben gerufene Aktiengesellschaft vereinigte nun mehrere ehemals selbständige Unternehmen unter einem Namen: die Lederfabrik Adler Ges.m.b.H., den Betrieb von Alois Plobergers Witwe, die ehemalige Stadlauer Lederfabrik sowie das Österreichisch-Amerikanische Lederwerk Rudolf Löw-Beer In Wien/Stadlau.

Das Verwaltungsgebäude

Die Adlerstraße weist heute noch auf die Lederfabrik in der unmittelbaren Umgebung hin, jedoch ist auch das ehemalige Verwaltungsgebäude der Adlerwerke noch erhalten. Das 1920 erbaute Gebäude gegenüber der Burg Wels, das heute Verwendung als Wohnhaus findet, wird nur selten mit dem ehemaligen Betrieb in der Innenstadt in Verbindung gebracht.

Erbaut von Otto Wagner-Schülern

Das Bürohaus wurde seinerzeit von den Architekten und Otto Wagner-Schülern Heinrich Schmid und Hermann Aichinger als repräsentativer Bau eines prosperierenden Unternehmens konzipiert.

Die Prachtvilla, welche mit Elementen im Stil der Neuen Sachlichkeit erbaut worden ist, verfügt bis heute noch über viele architektonische Details und Figurenschmuck, die Motive aus dem Gerberei-Handwerk darstellen.

Falkensammer-Villa

Eine weitere bekannte Welser Villa steht in Bezug mit den Adlerwerken, obwohl sie nicht in unmittelbarer Umgebung des ehemaligen Firmenareals  ist. Das Haus Volksgartenstraße 14 wurde von Adlerwerk-Geschäftsführer Falkensammer gemeinsam mit den späteren Architekten des Verwaltungsgebäudes in der Adlerstraße errichtet. Diese markante Villa ist vielen Welsern noch als Versteigerungsvilla geläufig.

Fischergasse

Zu den Adlerwerken gehörten damals weite Teile der Fischergasse, südlich des Mühlbachs sowie an seiner Nordseite. Das Haus Fischergasse 28 kam bereits 1894 in den Besitz der Familie Adler, wurde ab Gesellschaftsgründung Teil der Ges.m.b.H. und schließlich Wohnhaus des Geschäftsführers Falkensammer. Noch heute ist dieses Haus im Besitz eines Falkensammer-Nachfahren anderen Namens, eines ehemaligen Vize-Bürgermeisters.

Soziale Bautätigkeiten

Der Welser Betrieb tat zeit seines Bestehens in sozialer Hinsicht viel für seine Arbeiter und Beamten. In Zeiten, in denen überall Arbeitskräfte für die wachsenden Produktionsbetriebe gebraucht wurden, aber Wohnraum knapp war, erbauten die Adlerwerke auf privatem Grund und Boden für die Mitarbeiter eine Häusergruppe, die den Namen Adlerhof erhielt.

Industriebahn-Remise im Adlerwerk

Die Adlerwerke waren auch an die Anfang der 1920er Jahre gegründete Welser Industriebahn angeschlossen, bis zum Neubau der Remise in der Hans Sachs-Straße Anfang der 1940er Jahre war im Adlerwerk die Endstation der Industriegleise bzw. der Lokschuppen untergebracht.

Stilllegung durch Wirtschaftskrise

Die Wirtschaftskrise in den 1930er Jahren machte auch vor den Welser Adlerwerken nicht halt und so wurden die Standorte 1934 stillgelegt. Eine Möglichkeit, den Betrieb wieder weiterzuführen, wurde ausgeschlossen, da die technische Einrichtung, Maschinen usw. sofort an Private und staatliche Stellen verkauft worden war.

HTL-Neubau auf dem Areal

Das Areal der ehemaligen Adlerwerke in der Fischergasse wurde 1969 abgerissen. Der heruntergekommene Industriebau aus der Gründerzeit musste der HTL bzw. der HTBLA weichen. Der letzte Teil des Werks wurde 1974 abgetragen, nach dem Abbruch des Schlotes wurden die Ziegelsteine noch eingesammelt und wiederverwendet.

Fotos: Bernhard Wieser