Syrischer Flüchtling: „Unter Assad gab es Sicherheit.“

Die meisten syrischen Flüchtlinge, die man hier antrifft, sind innerhalb des letzten Jahres über die Balkanroute nach Österreich gekommen.
David N. (Name geändert) reiste bereits 2011 per Flugzeug mit gültigem Visum an und beantragte Asyl, was ihm auch gewährt wurde. Die Monatliche hat sich mit ihm getroffen.

Wie verlief Ihr Leben in Syrien?
Ich komme aus der westsyrischen Stadt Hama und bin ausgebildeter Jurist. Ich habe dort in einem aufgeklärten städtischen Milieu gelebt, in dem Religion keine große Rolle gespielt hat. Ich selbst bin ja syrisch-orthodoxer Christ, aber in meinem Freundeskreis waren alle Religionen vertreten.

Ist das in ganz Syrien so?
In den Städten auf alle Fälle. Dort waren die Strenggläubigen in der Minderheit, die Menschen lebten nach europäischen Standards. In den ärmeren und infrastrukturschwachen Regionen, um Raqqa beispielsweise, war das anders.

Warum sind Sie schon so bald nach Europa gekommen?
Die Kämpfe kamen immer näher an meine Heimatstadt, und irgendwie habe ich damals schon gesehen, dass sich alles aufschaukeln wird. Meine Frau und ich waren ja noch jung, daher war es für uns leichter, anderswo einen Neuanfang zu wagen.

Herrscht in ganz Syrien Krieg?
In den Küstenregionen gibt es keine Kriegshandlungen. Ich habe Familienangehörige, die dort ein relativ normales Leben führen. Auch in den größeren Städten, die zu Assads Einflussbereich gehören, bekommt man nur selten zu spüren, dass Teile des Landes Kriegsschauplatz sind.

Wie stehen Sie zum umstrittenen Präsident Bascher Al-Assad?
Ich kann ihm auch Gutes abgewinnen. Assad hat die radikalen Muslime im Land in Schach gehalten. Sicherheit zählt in Syrien mehr als eine Demokratie, die dem radikalen Islam zu viel Spielraum lässt. Nicht nur der IS predigt einen radikalen Islam, auch die Al-Nusra-Front, die mit dem Kalifat verfeindet ist und an der Seite der Freien Syrischen Armee kämpft. Es ist alles sehr unübersichtlich geworden.

Ist der Krieg in Syrien ein reiner Bürgerkrieg?
Die Konflikte innerhalb des Landes gibt es. Aber es ist auch ein Stellvertreterkrieg von außerhalb. Saudi-Arabien, Iran, Qatar, Türkei, die USA und Russland haben Interessen in Syrien. Um diese Interessen zu wahren, bedient man sich der vielen Fronten, die durch meine Heimat laufen.

Welche Interessen sind das?
Der Iran sieht sich als Schutzmacht der Schiiten im Land, die Saudis und Qatar treten für die Sunniten ein. Die USA und Russland wollen ihre politische Vormachtstellung in der Region ausbauen. Erdogan bekämpft die Kurden und kauft syrisches Erdöl vom IS.

Wer hat sich von der Bevölkerung dem Islamischen Staat angeschlossen?
Zum Großteil jene aus den ärmeren ländlichen Gebieten. Das Stadt-Land-Gefälle ist sehr groß und die westlichen Standards, die in den Städten vorherrschen, flachen Richtung Land sehr schnell ab. Die Versprechen des IS von Wohlstand und seiner Ideologie fanden dort offene Ohren.

Wie ist Assad mit radikalmuslimischen Umtrieben umgegangen?
Seine Sicherheitskräfte haben die Moscheen kontrolliert. Wurden radikale Standpunkte gepredigt, wechselte man die Imame aus. Assad wusste, dass von dort Gefahr drohte. Moderate und auch konservative Muslime konnten frei ihre Religion ausleben. Aber die, die einen Gottesstaat angestrebt hatten, wurden bekämpft. Hier in Europa unterschätzt man diese Gefahr.

Haben Sie hier in Österreich Angst vor dem Islamismus?
Die Männer mit den langen Bärten werden auch in Wels immer mehr. Nicht alle Flüchtlinge sind vor dem IS geflohen und hier finden sie viele Gleichgesinnte. Kritik am Islam wird schnell als Angriff gewertet, von Muslimen, aber auch von den Medien. Ich habe schon gesehen, wie es Nicht-Musli-men geht, wenn der Islam die Mehrheit in der Gesellschaft stellt. Ich bin vor solchen Verhältnissen geflohen.

Wie haben Sie sich in Österreich bzw. Wels zurechtgefunden?
Eigentlich sehr gut. Ich konnte ein bisschen Deutsch, da ich als Kind mit meinen Eltern ein paar Jahre in Österreich gelebt habe. Eine Firmenchefin aus Wels hat mir und meiner Frau sehr geholfen, als sie von meinem Schicksal erfuhr. Sie stellte uns beide in der Produktion ein und verschaffte uns eine bessere Wohnung. In der Otto Loewi-Straße sah ich für uns keine Perspektive.

Inwiefern?
Dort wohnen zum Beispiel Flüchtlinge aus Afghanistan und Tschetschenien, die seit 10 Jahren von Sozialhilfe leben, kein Deutsch sprechen und sich immer mehr radikalisieren. Das ist kein Umfeld, in dem ich leben möchte.

Ihre Perspektiven für die Zukunft?
Ich möchte mit meiner Familie ein Auskommen finden. Meine Frau und ich sind beide Akademiker in unserem Heimatland und wissen, dass Sprache und Bildung der Schlüssel zum Integrationserfolg ist. Wir sparen für weiterführende Ausbildungen, um uns irgendwann beruflich zu verändern und den anderen Menschen, die aus Syrien geflohen sind, zu helfen. Und unserem einjährigen Sohn Raphael soll es einmal an nichts fehlen und er soll in einem friedlichen Land aufwachsen.